
Warum Dating-Apps mehr über dich wissen als andere Apps
Eine Dating-App kennt Dinge über dich, die kaum eine andere App gleichzeitig hat: wie du aussiehst, wo du dich aufhältst, wen du suchst und was du nachts um eins schreibst. Schon die Einstellung, ob du Männer oder Frauen suchst, verrät deine sexuelle Orientierung. Dazu kommen oft Angaben zu Religion, Kinderwunsch oder Lebensstil. Das europäische Datenschutzrecht zählt mehrere dieser Merkmale zu den besonders geschützten Kategorien.
Im Test ist Datenschutz deshalb kein Nebenkriterium, sondern zählt genauso viel wie Reichweite oder Kosten. Grundlage sind die öffentlich einsehbaren Datenschutzangaben der Anbieter, die Einstellungen in der App und die Frage, wie viel Kontrolle du behältst. Was ein Anbieter intern mit den Daten macht, lässt sich von außen nicht prüfen. Darüber spekulieren wir deshalb auch nicht.
Dieser Ratgeber geht die vier großen Datenquellen durch: Standort, Fotos, Kontakte und Werbe-ID. Zu jeder steht, was du selbst einschränken kannst. Am Ende stehen die Punktwerte der sechs Apps aus unserer Matrix und was sie in der Praxis bedeuten.
Standort: der empfindlichste Datenpunkt
Ohne Standort funktioniert fast keine Dating-App, denn sie muss wissen, wer in deiner Nähe ist. Die Frage ist also nicht ob, sondern wie genau und wie oft. Ein Standort, der nur beim Öffnen der App abgefragt wird, ist etwas anderes als einer, der im Hintergrund mitläuft. Und eine Entfernung auf den Meter genau ist etwas anderes als ‚etwa fünf Kilometer‘.
Auf dem iPhone legst du für jede App fest, dass sie den Standort nur beim Verwenden sieht, und kannst den genauen Standort abschalten. Android bietet seit einigen Versionen dieselbe Wahl zwischen genauem und ungefährem Standort. Probier aus, ob deine App mit dem ungefähren Standort auskommt. Zeigt sie dann nur noch Fehlermeldungen, weißt du auch etwas über ihre Prioritäten.
Ein zweiter Punkt wird oft übersehen: Wer die App immer zu Hause öffnet, zeigt Fremden über die Entfernungsangabe ungefähr, wo er wohnt. Öffne sie deshalb auch unterwegs, im Büro oder im Café. Wenn eine App erlaubt, einen Ort von Hand festzulegen, nimm das Viertel und nicht deine Straße.
Fotos: was ein Bild über dich verrät
Profilfotos sieht jeder, der die App in deiner Gegend nutzt, also sehr viele Fremde. Ein Bild, das du auch auf LinkedIn oder Instagram verwendest, lässt sich mit einer umgekehrten Bildersuche in Sekunden deinem vollen Namen zuordnen. Wer anonym bleiben will, bis er jemanden kennt, nimmt Fotos, die es nur in der Dating-App gibt.
Achte auf den Hintergrund: Hausnummer, Straßenschild, Firmenausweis, das Schild vom Fitnessstudio um die Ecke. Ein Detail allein ist harmlos, drei zusammen ergeben eine Adresse. Dazu kommen die Ortsdaten, die viele Handys unsichtbar in jedes Foto schreiben. Ob eine App sie beim Hochladen entfernt, siehst du von außen nicht, also nimm sie vorher heraus; auf dem iPhone geht das beim Teilen über die Optionen.
Bei der Foto-Verifizierung gibst du zusätzlich ein Selfie ab, das mit deinen Profilbildern abgeglichen wird. Das schützt alle vor Fake-Profilen, ist aber auch ein Bild, das sich biometrisch auswerten lässt. Lies in den Datenschutzangaben nach, wie lange es gespeichert bleibt. Steht dort nichts dazu, ist das ein Minuspunkt, aber kein Grund, auf die Verifizierung zu verzichten.
Kontakte, Social Login und verknüpfte Konten
Manche Apps bieten an, dein Adressbuch abzugleichen, damit Kollegen oder die Ex dich nicht zu sehen bekommen. Die Idee ist gut, der Preis ist hoch: Dafür liest die App die Nummern aller Menschen in deinem Telefon, und die haben dem nie zugestimmt. Wer nur zwei oder drei Personen ausweichen will, sollte sich fragen, ob dafür das ganze Adressbuch nötig ist.
Ähnlich ist es beim Anmelden mit einem bestehenden Konto. Ein Login über Facebook oder Google ist bequem, verbindet aber zwei Datentöpfe, die du vielleicht lieber getrennt hältst. Die Anmeldung per E-Mail oder Telefonnummer kostet zwei Minuten mehr und hält die Kreise sauber. Wer ‚Mit Apple anmelden‘ nutzt, kann zusätzlich die echte Mailadresse verbergen.
Verknüpfungen mit Instagram oder einem Musikdienst machen ein Profil lebendiger. Sie zeigen aber auch Menschen, mit denen du noch kein Wort gewechselt hast, deinen Benutzernamen oder deine Gewohnheiten. Ein verknüpftes Konto ist im Zweifel der schnellste Weg von deinem Vornamen zu deinem vollen Namen.
Werbe-ID und Tracking: das unsichtbare Profil
Jedes Smartphone hat eine Werbe-ID, eine Nummer, mit der Werbenetzwerke dich über verschiedene Apps hinweg wiedererkennen können. Viele kostenlose Apps finanzieren sich auch über Werbung und fragen deshalb nach dieser Nummer. Dass sie ausgerechnet in einer Dating-App ausgelesen werden kann, gefällt den wenigsten, sobald sie einmal darüber nachdenken.
Abschalten geht schnell. Auf dem iPhone findest du unter Datenschutz und Sicherheit den Punkt Tracking; schalte dort ‚Apps erlauben, Tracking anzufordern‘ aus, dann wird jede neue Anfrage automatisch abgelehnt. Auf Android lässt sich die Werbe-ID in den Einstellungen unter Datenschutz und Werbung löschen. Beides kostet dich keine Funktion der Dating-App.
Was du damit nicht abschaltest, sind die Daten, die du der App selbst gibst. Die Werbe-ID betrifft den Weg zu Dritten, nicht das, was der Anbieter über dich weiß. Deshalb gehört beides zusammen: Tracking aus, und im Profil nur das, was du auch einem Fremden in der Bahn erzählen würdest.
Was du in jeder App selbst einschränken kannst
Bevor du ein Profil ausfüllst, lohnt ein Blick in die Datenschutzeinstellungen der App selbst. Manche Apps lassen dich Alter oder Entfernung ausblenden, oft nur im Abo; fast alle lassen dich das Profil pausieren. Diese Schalter liegen meist tief in den Menüs und stehen ab Werk auf der offenen Seite. Zehn Minuten am Anfang ersparen dir später unangenehme Überraschungen.
Bei Profilfeldern gilt eine einfache Regel: Was die Suche braucht, gibst du an, alles andere ist freiwillig. Religion, politische Haltung oder Gesundheit sind keine Pflicht, auch wenn die App freundlich danach fragt. Wo eine App nach Religion filtern lässt, wie embla mit embla+, ist die Angabe ein echtes Suchmerkmal. Gib sie nur an, wenn sie dir bei der Suche wirklich hilft.
Und schließlich: Deinstallieren ist nicht löschen. Wer die App vom Handy wirft, hat sein Konto samt Fotos und Chats noch immer beim Anbieter. Lösche das Konto in den Einstellungen, bevor du die App entfernst. Nach europäischem Recht kannst du außerdem jederzeit Auskunft darüber verlangen, welche Daten über dich gespeichert sind.
Die sechs Apps nach Datenschutz-Punkten
In unserer Matrix erreicht keine App beim Datenschutz die volle Punktzahl. Das ist kein Zufall: Eine Dating-App ohne Standort, Fotos und persönliche Angaben gibt es nicht, und wo so viel Sensibles liegt, ist eine 5 eine hohe Hürde. Die Spanne reicht von 2 bis 4 von 5. Die Werte beruhen auf öffentlich einsehbaren Angaben und den Einstellungsmöglichkeiten, nicht auf Vermutungen über Datenflüsse hinter den Kulissen.
Am schwächsten schneiden Tinder und Badoo ab, mit je 2 von 5. Beide sind breit aufgestellt, mit vielen Zusatzfunktionen und Verknüpfungen, und geben dir am wenigsten Übersicht darüber, welche Angabe wofür genutzt wird. Bumble, Hinge und Dua liegen mit je 3 von 5 im soliden Mittelfeld: übliche Abfragen, nachvollziehbare Einstellungen, aber nichts, was über den Branchenstandard hinausgeht.
Den besten Wert hat embla mit vorläufig 4 von 5. Die Begründung liegt im Konzept: Es wird nicht gewischt, Kontakt entsteht nur über einen konkreten Satz oder ein konkretes Foto, und Boost oder Spotlight gibt es nicht. Weniger Funktionen heißt weniger Wege, auf denen Daten gebraucht werden. Da embla noch nicht im App Store ist, bewerten wir hier Konzept und Modell, nicht den Alltag in der App; der Wert wird nach dem Start nachgeprüft.
Testurteil: Datenschutz ist eine Einstellung
Die Punktwerte zeigen, wo du startest, nicht, wo du landest. Eine App mit 2 von 5 und sauber gesetzten Einstellungen schützt dich besser als eine mit 4 von 5, in der du alles freigegeben hast. Die größte Variable bist du selbst: welche Fotos, welcher Standort, welche Verknüpfungen.
Unsere Reihenfolge für die ersten zehn Minuten: Standort nur beim Verwenden und ungefähr, Tracking aus, Anmeldung per E-Mail statt Social Login, keine Verknüpfung mit Instagram, Fotos ohne Ortsdaten und ohne Doppelgänger im Netz. Danach einmal alle Einstellungen der App durchgehen. Wer datenschutzbewusst sucht, findet bei embla, Bumble, Hinge und Dua die besseren Startwerte; wer wegen der Reichweite bei Tinder oder Badoo bleibt, sollte die Einstellungen umso gründlicher setzen.